Biedermeier
Der Modewandel beschleunigt sich im 19. Jh. deutlich, so daß wir anfangen müssen, mehrere eigentlich recht unterschiedliche Stilepochen zusammenzufassen.
Der Begriff Biedermeier bezeichnet die Epoche ab etwa 1820 bis um 1840. Wie die meisten Epochenbezeichnungen ist auch diese erst später entstanden und war ursprünglich spöttisch gemeint. Nach den Wirren der napoleonischen Kriege hatte man erst einmal genug von Revolution und zog sich in die brave, friedliche Bürgerlichkeit zurück. Familienleben und häusliches Idyll waren die Ideale der Zeit. Die einsetzende Industrialisierung brachte es mit sich, daß wieder eine sich deutlich abgrenzende Oberschicht entstand - diesmal aber nicht eine adlige, sondern reiches Großbürgertum, die Bourgeoisie.
Die Ideale und Statussymbolik sollten bis ins 20. Jh. nachwirken. Man wollte sich von der alten Oberschicht, dem Adel, abgrenzen, indem man zeigte, daß man sein Geld erarbeitet hatte. Die Männer kleideten sich also zunehmend dunkel und schlicht, mit nur geringen Variationen im Verlauf des Jahrhunderts, um ihre Geschäftsmäßigkeit und Seriosität zu unterstreichen. Die Kniebundhose war nun vollständig aus der Mode verschwunden. Die neue Hose war eng, hatte meistens Überlänge und war daher enweder unter dem Schuh mit einem Steg zusammengefaßt oder reichte über den Fuß. Dazu gehörte der Frack, eine kunstvoll geknotete Krawatte und der Zylinder. Im versteckten Widerspruch zum "seriösen" Auftreten trugen Männer oft Korsetts.
Die Frauen hingegen durften, ja sollten umso mehr Pracht entfalten, um zu zeigen, daß ihr Mann "sie sich leisten" konnte. Die Taille rutschte wieder tiefer und sollte möglichst schlank erscheinen, was durch enge Schnürung, weite Röcke und überbetonte Schultern erreicht wurde. Der horizontale, schulterfreie Ausschnitt wurde von einer breiten Spitze, der Berthe, umrahmt. Die Ärmel waren tief angesetzt und so bauschig, daß sie mitunter mit Fischbein verstärkt werden mußten. Die Frisuren sind äußerst verspielt: kunstvoll hochgesteckt mit über die Ohren hängenden Korkenzieherlocken. Der das Gesicht umrahmende Schutenhut verstellte seitlich die Sicht.
Um 1840 beginnt der Vormärz (also die Zeit vor der Märzrevolution von 1848), der modisch nahezu bruchlos in die Romantik übergeht.
Die Kleider die Damen wandern wieder ein Stück die Schulter hinauf, aber nur wenig. Beite V-Ausschnitte, von mehreren Reihen Falten umrahmt, sind typisch für die 40er Jahre, aber auch hochgeschlossene Kleider wurden wieder getragen. Die Röcke werden in der Taille fülliger und müssen durch mehrere Lagen Unterröcke mit Roßhaareinlagen gestützt werden. Dazu wurden dreieckige Schultertücher oder Kaschmirschals umgelegt.
In dieser Zeit kam in der Männermode der Frack aus der Mode, außer für formelle Anlässe, und machte dem Gehrock Platz. Die Hose wurde etwas kürzer und war nicht mehr gar so extrem eng. In den 1850ern waren karierte Hosen "in", aber das war schon bald wieder vorbei. Wärend der 1850er wurde die Jacke gegenüber dem Gehrock immer populärer - eben jene Jacke, die mit geringen Variationen bis auf den heutigen Tag für Anzüge Gültigkeit hat.Der Umfang der Röcke wuchs mit der Zeit so stark an, daß es bald wieder nötig wurde, Reifen einzuziehen. Elastischer Federstahl, eine neue Erfindung, machte das teure Fischbein überflüssig und den neuen Reifrock, den man nun Krinoline nannte, auch für die Mittelschicht erschwinglich. Gleichzeitig wurde es möglich, den Rock mit Volants und allerlei Garnitur zu verzieren, ohne ihn nach unten zu ziehen.
So begann die Epoche des zieratverliebten Zweiten Rokoko. Dazu gehörte auch die Entwicklung V-förmigen Zierats auf dem Oberteil, ganz wie im Rokoko. Im Verlauf der 50er Jahre wurde die Krinoline immer weiter nach hinten ausgestellt, während sie vorn abflachte. Ihre größte Ausdehnung erreichte die Krinoline in den frühen 1860ern, und zwar vor allem nach hinten. Gegen 1870 aber wurde sie wieder kleiner und konzentrierte sich das ganze Volumen nach hinten. Es entstand die Tournure der Gründerzeit.
