Gründerzeit
Gründerzeit oder Gründerjahre nennt man im engeren Sinn die Zeit unmittelbar nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71, in der die Wirtschaft boomte, die in Deutschland bisher etwas zurückgebliebene Industrialisierung machte einen Sprung nach vorn. Die Zeit war geprägt von Optimismus, Euphorie und... Angeberei. Man wollte zeigen, was man sich erarbeitet hatte.
Immer noch waren es die Frauen, die durch Müßiggang den Reichtum ihres Mannes demonstrierten, wärend dieser selbst eine eher unauffälige Erscheinung abgab. Offensichtlich unpraktische Kleidung unterstrich die Tatsache, daß sie keiner produktiven Tätigkeit nachgingen.
So trugen sie während der frühen 70er Jahre ein Gestell aus Stahlreifen oder Rosshaar, das den hinteren Teil den Rockes bauschig abstehen ließ - die Tournüre.
Der Rock hatte auch bei Alltagskleidern eine Schleppe, die bei Ballkleidern ziemlich lang werden konnte und ebenso wie das ganze Kleid über und über mit sogenannter Garnitur versehen war: Volants, Borten, Spitzen, Posamenten, Fransen.... an der Garnitur und den Draperien (kunstvoll gerafften Stoffbahnen) tobte sich bis in die 90er Jahre hinein die Phantasie der Modemacher und Schneiderinnen aus. Auch dies ein Teil der Angeberei: der Verbrauch an Stoff und Besätzen für ein einzelnes Kleid war enorm teuer.
Um 1875 verschwand die Tournüre urplötzlich und machte einem vorn und seitlich sehr engen, hinten lang schleppenden Rock Platz. Die Oberteile wurden immer länger nach unten gezogen. Um 1880 erweckten querlaufende Rockdraperien und eng anliegende, hochgeschlossene, mehr als hüftlange Mieder den Eindruck einer sehr langen und schlanken Shilouette.
Doch schon zerrt die Mode wieder in die engegengesetzte Richtung: Die Tournüre kehrt zurück.
Von 1882 bis 1885 wächst sie stetig an, beladen mit noch kunstvolleren Draperien als zuvor, dafür aber etwas zurückhaltender garniert. Überhaupt verschiebt sich der Schwerpunkt der Garnitur weg vom Rock und hin zum Oberteil.
Ende der 80er geht es wieder in die andere Richtung: Die Damen sind der Tournüre schnell überdrüssig. Sie wird wieder kleiner und verschwindet allmählich, bis sich um 1888 eine neue Modelinie etabliert hat. Nun fallen die schleppenlosen Röcke glatt und wenig garniert leicht glockenförmig herab. Die scheinbar leicht nach vorn geneigte Haltung aber, die durch das überbetonte Hinterteil hervorgerufen wurde, bleibt für die Ästhetik der 90er Jahre maßgeblich und wird immer stärker betont.
Parallel zu diesen unerhörten Übertreibungen des Unbequemen beginnt sich, zunächst noch ganz leise, der Widerstand zu regen. Die ersten Frauenrechtlerinnen wettern im Verein mit Medizinern gegen das Korsett als Symbol der Unfreiheit und Gefahr für die Gesundheit. Doch eine natürliche Silhouette können sich nach Jahrhunderten der Verformungshilfen nur wenige vorstellen. Das Korsett dominierte über 400 Jahre lang die weibliche Mode und ließ sich nun nicht so einfach verbannen.....
