Spätgotik
Eigentlich ist der Begriff „Mittelalter" irreführend, da es so etwas wie das Mittelalter nicht gibt. Es umfaßt drei Perioden, die als Früh-, Hoch- und Spätmittelalter bezeichnet werden. Wann genau es nun beginnt und endet, darüber streiten die Historiker. Beginnt es nun mit dem Niedergang Roms seit dem 3. Jh. oder erst mit der Kaisererhebung Karls des Großen im Jahr 800?
Die europäische Geschichte des Mittelalters beginnt mit der Dynastie der Karolinger oder Frankenkaiser. Ihnen unterstand ein Reich, daß sich aus dem heutigen Frankreich und Deutschland zusammensetzt. Abgelöst wurden Sie Anfang des 10. Jahrhunderts von den Ottonen.
Zeitgenössische Malereien zeigen, daß in der Kleidung noch die römische, vor allem aber die byzantinische Antike nachwirkte, auch wenn die hohe Kultur und Technologie Roms längst entschwunden war. So trug man beispielsweise Tunikas, über die Schulter drapierte, togaähnliche Gewänder und geschnürte Sandalen.
Die durch einfache Formen gekennzeichnete Mode hielt sich auch im wesentlichen im Hochmittelalter, der Phase, die durch Kreuzzüge und Rittertum als „eigentliches" Mittelalter assoziiert wird. Sie umfaßt das 12. und 13. Jahrhundert. Tiefe Religiosität, Minnedienst und Waffenlehre galten als die wichtigsten männlichen Tugenden. Von daher wurden Söhne entweder als Erben ernannt, ins Kloster oder in den Knappendienst geschickt. Deshalb waren auch Kreuz und Schwert die wichtigsten Insignien eines Mannes. Beides wurde sowohl über Kampf- als auch über Zivilgewandung getragen.
Zivilgewandung bestand aus einem einfach, weit und lang geschnittenen Gewand, war mit einfachen Borten verziert und mit einem Lederriemen (bei adliger Festtagsgewandung mit einem goldenen Gürtel) geschnürt. Als Unterkleid trug man ein einfaches Leinenhemd, Bruchen (mittelalterliche Unterhosen) und wärmende Beinlinge.
Kampfgewandung dagegen war im Laufe der Jahrhunderte einem ständigen Wandel unterworfen. Deswegen sei hier nur ein Beispiel aus dem Hochmittelalter erwähnt: Über den beschriebenen Unterkleidern wurde eine versteppte Jacke (gambaison), ein gepanzertes Wams (Platen), ein Kettenhemd und Kettenbeinlinge und schließlich der Wappenrock angezogen. Letzterer war besonders wichtig, da auf ihn das jeweilige Wappen gestickt war.
Erstaunlicherweise unterschied sich die weibliche Kleidung nur geringfügig von der männlichen. Auch hier herrschten einfache geometrische Schnitte und Formen vor. Frauen trugen lange und weite Ärmel, teilweise mit Unterkleidern mit enganliegenden Ärmeln darunter, Röcke waren großzügig geschnitten und sehr lang, und auf Taillenhöhe wurden die Gewänder ebenfalls gegürtet.
Völlig gegensätzlich zum eher einfachen Hochmittelalter entwickelte sich die Mode zu Beginn des 14. Jahrhunderts. Besonders der Adel liebte es, sich bunt und auffallend zu kleiden, Herren in sehr engen Beinkleidern und mit farbenfrohen, fast geckenhaft geschnittenen Jacken (Schecken). So waren auch Schuhe mit langen Schuhspitzen äußerst beliebt, wobei die Länge sehr stark varrieren konnte. Eine typische weibliche Kleidungsform war das sogenannte "Teufelsfenster", ein Überkleid, das um die Arme sehr weit ausgeschnitten war, und seinen Namen von dem dagegen protestierenden Klerus erhielt. Hält man sich vor Augen, daß eben zu dieser Zeit die Pest veheerend in Europa wütete, so ist es nicht verwunderlich, daß man in bunter Kleidung Ablenkung vom grauen Alltag suchte.
Mit dem sich auflösenden Rittertum veränderte sich auch die Mode. Das anbrechende 15. Jahrhundert läutete das Zeitalter des französisch-burgundischen Kleidungsstils ein. Charakteristisch hierfür waren die mehr ins extreme wachsenden Formen: die Röcke der Männer wurden kürzer, reichten bald kaum mehr über die Lenden und waren großzügig in Falten gelegt. Ärmel und Hosenbeine wurden enger, verschiedene Körperstellen, wie Schultern, betont. Frauen trugen Gewänder mit hoch angesetzten Taillen und tieferen Ausschnitten, oftmals aus reichem Brokat. Auch andere Formen wurden überspitzt. Das wohl berühmteste Merkmal der Spätgotik waren die auffallenden Kopfbedeckungen der Frauen. Die allseits bekannten Spitzhüte, die fälschlicherweise als „Burgfräuleinhüte" einen Bekanntheitsgrad erlangt haben, und die Doppelhörnerhauben, verziert mit lang herabfallenden Schleiern, sind nur zwei Beispiele dessen. Einen solch ausgeprägten Kopfputz hat es in späterer Zeit in vergleichbarer Weise nie wieder gegeben.
